14.11.08

Über Berlin

Der Wind ist angenehm.

Seitdem ich in Berlin wohne, habe ich es genossen auf die Dächer zu klettern. In jeder neuen Wohnung, in der ich zu Besuch war, fragte ich zuerst nach einem Weg auf das Dach. Die Leute waren dann immer ganz verblüfft, als ich ihnen den Weg auf ihr Dach zeigte (In Berlin sind die Häuser ja genormt und deutsch, von gleicher Höhe, die meisten jedenfalls, und so hat man einen weiten Blick über die Stadt). Man kann natürlich auch auf die unerträglichen Häuser am Potsdamer Platz fahren, auf das Dach von Kollhoff's Klinkerhütte, mit dem schnellsten Aufzug Europas, oder auf den Kreuzberg, den Schinkelturm im Rücken, wo ich früher mal gesessen habe, als ich in der Monumentenstrasse wohnte, aber wer will das schon. Es gibt nichts Erträglicheres jetzt, als über die Stadt zu schauen, nicht in die Stadt, wo der Blick nur bis zum nächsten Block reicht, bis zur nächsten Fassade. Hier oben entgeht man diesen Fassaden, Gott sei Dank. Hier lächelt gutmütig der Horizont aus Dächern und Schornsteinen, als wolle er mich ermutigen: Es ist alles nicht so schlimm.
Mein Blick schweift am Ostberliner Fernsehturm mit der Kugel vorüber, die ja rotiert, während Senioren aus den neuen Bundesländern in ihr schlechten Kuchen rotierend essen und gehe ein paar Schritte in Richtung Innenhof, also gen Westen, gen Westfalen. Doch hier ist der Blick nicht so weit, die Stadt dunkler als wenn man Richtung Osten schaut, den Teufelsberg, den sieht man, zumindest glaube ich ihn schemenhaft zu erkennen, dahinter nichts als schwarze Nacht. Ich war nie auf dem Teufelsberg, in den ganzen zehn Jahren nicht. Ich war auch nie auf dem Fernsehturm, aß nie den schlechten Kuchen, rotierend, oder sah ihn Senioren essen. Ich nehme einen Euro aus meiner Hosentasche und werfe ihn hinunter, hinunter in den Innenhof. Noch bevor ich höre, wie er unten aufschlägt, drehe ich mich wieder um und fixiere den Fernsehturm, der jetzt sicher schon geschlossen ist, erkenne den Potsdamer Platz, diesen Höhepunkt der Geschmacklosigkeit, erkenne Helmut Jahns Turm Kopf an Kopf mit Kollhoff's Klinkerhütte die so aussieht wie die Häuser in New York und mir wird schlecht ob der Vergewaltigung Berlins durch gelangweilte, unfähige und überbezahlte Architekten, die drittklassige, stümperhafte Kleinstadtideen verwirklichend ihre schlechtesten Fantasien bauen durften, zu allem Überfluss auch noch kastriert durch ein senatorisch verordnetes Regelwerk, an dem wichtigsten Platz Europas, denke ich.

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